Nachhaltiger Massenmarkt
Eine umfassende Definition zum nachhaltigen Tourismus haben deutsche Umwelt- und Entwicklungsverbände 1999 auf einer Konferenz der Vereinten Nationen vorgelegt: Nachhaltiger Tourismus muss soziale, kulturelle, ökologische und wirtschaftliche Verträglichkeitskriterien erfüllen. Er soll sozial gerecht und kulturell angepasst, ökologisch tragfähig sowie wirtschaftlich sinnvoll und ergiebig sein.
Jede nachhaltige Entwicklung basiert auf dieser Balance von ökonomischen, ökologischen und sozialen Ansprüchen heutiger und zukünftiger Generationen. Auch die Spitzenverbände der deutschen Tourismusindustrie bekennen sich in ihrer Umwelterklärung von 1997 "zu einer ökologisch verantwortungsvollen Tourismuspolitik" und sehen "in einem nachhaltigen Tourismus ein grundlegendes Leitbild für die künftige Entwicklung der Branche".
Um zu beurteilen, ob sich eine Branche zukunftsverträglich entwickelt, braucht es so genannte Indikatoren, also Messgrößen, die Veränderungen qualitativ und quantitativ erfassen. Im Rahmen von INVENT haben sich die Projektpartner auf neun wesentliche Indikatoren verständigt, mit deren Hilfe Marketingstrategien und Reiseangebote gestaltet und bewertet werden können (siehe Bild). Einer der zentralen ökologischen Indikatoren sind beispielsweise die Treibhausgasemissionen: Allein auf Fernreisen mit einem Anteil von nur 3,5 Prozent am Gesamtreisemarkt entfallen 20 Prozent der Treibhausgasemissionen des Tourismus.
 Bild: Indikatoren für nachhaltigen Tourismus im Massenmarkt
Da Angebote für den Volumenmarkt stets eine große Zahl von Urlaubern ansprechen, führen auch kleine Verbesserungen ans Ziel. In der Masse liegt also die wesentliche Stärke von nachhaltigen Reisen für den Volumenmarkt. Nach Angaben der World Tourism Organisation beträgt der Anteil der Reisen speziell für eine ökologisch und sozial engagierte Klientel weniger als ein Prozent am gesamten deutschen Reisemarkt. Um dieses Marktsegment zu verdoppeln, müssten ein bis zwei Millionen Urlauber neu hinzugewonnen werden. Zum Vergleich: Allein in die Türkei reisen pro Jahr fast vier Millionen deutsche Touristen und in ihrem eigenen Land machen jedes Jahr mehr als 70 Millionen Deutsche Urlaub.
Nachhaltiger Tourismus im Massenmarkt bedeutet auch, dass es kaum möglich ist, gleichzeitig alle Indikatoren zu verbessern. Dies gelingt selbst Anbietern von Spezialreisen nicht: Eine zweiwöchige Studienfahrt nach Costa Rica, die Urlaubern Land, Kultur und Natur näher bringt, ist zwar aus ökonomischer und sozialer Sicht durchaus positiv zu bewerten. Ökologisch gesehen aber erzeugen solche Fernreisen relativ hohe Treibhausgasemissionen und schneiden damit schlechter ab als eine Woche Standurlaub auf Mallorca. Allerdings gilt sowohl für den Nischen- als auch für den Massenmarkt, dass Erfolge bei einzelnen Indikatoren nicht zu deutlichen Verschlechterungen bei anderen Messgrößen führen dürfen - dies würde die Balance von Ökologie, Ökonomie und Sozialem schnell aushebeln. |